Gastbeitrag von Dorothee Retzlaff – Eine Andere Seite von Frankreich

Bislang habe ich nur über mich und mein Leben in Frankreich geschrieben, dass ist dieses Mal anders. Denn ich habe eine Freundin, die ebenfalls einen Schüleraustausch in Frankreich macht, gefragt, ob sie nicht gerne einen Gastbeitrag schreiben möchte. Deshalb erfährst du nun eine etwas andere Seite von Frankreich, viel Spaß 😉 .

Genau wie Jonas befinde ich mich gerade in Frankreich zu einem Schüeraustausch. Nun, im Gegensatz zu Jonas, bin ich nicht in einer größeren Stadt gelandet. Ich bin hier nämlich im Jura in einer kleinen Stadt (wenn man das überhaupt Stadt nennen kann). Besser gesagt lebe ich in einem Dorf in der Nähe von einer Kleinstadt. Nun, wenn das Navi noch ca 1km bis zum Ziel anzeigt, kommt der erste Bauernhof in Sicht. Ich habe Glück und bin in einer total netten Gastfamilie gelandet, mit der ich hier echt viel erlebe. Meine Gastfamilie ist mit mir schon in den Urlaub nach Saint-Tropez und für ein Wochenende nach Paris gefahren.

Nun zur Kultur und zur Lebensweise. Natürlich, wie wäre es auch anders zu erwarten, ist hier alles ein bisschen anders. Ich fang einfach mal mit dem Essen an. Meiner Meinung nach ist das Essen hier besser! Ich bekomme hier 2 mal täglich warmes Essen. Nach dem Essen gibt es immer Käse, was für mich als Käseliebhaber ein schlagendes Argument ist. Nach jedem Mittag- oder Abendessen gibt es immer noch ein Dessert, z.B. Creme Brulée oder einfach nur einen Joghurt. Ich werde hier allein schon vom Dessert satt. Manchmal gibt es davor sogar noch einen Aperitif. Das alles tut meiner Figur zwar gar nicht gut, aber es stärkt meine Moral, wenn ich mal wieder deprimiert bin. Der nächste Unterschied ist die Musik z.B. im Radio. Hier in Frankreich gibt es sehr viel französische Musik und alte englische/amerikanische Musik.

Leider werde ich hier aber auch mit einigen Klischees konfrontiert, z.B. ist es für einige katholische Franzosen seltsam, dass ich Protestant bin. Sie stellen mir andauernd solche Fragen wie: Habt ihr Protestanten auch einen Friedhof für die Toten? Geht ihr auch in normale Kirchen? Halt eben so Sachen, wo ich mir merke, wie wenig die darüber wissen. Ein weiteres Klischee ist, dass wir Deutschen immer essen, was ich aber auch bestätigen muss. Wir essen in der Schule, wenn wir nach Hause kommen, eigentlich immer, aber nicht so viel. Hier essen die immer nur morgens, mittags und abends, aber viel. Da ich hier trotzdem immer Hunger habe, esse ich immer wegen meiner Hunger-Attacken und zu den Hauptmahlzeiten viel, aus Höflichkeit. Nun zum Thema Höflichkeit: Ich habe beschlossen hier Alles zu essen, demnach auch Sachen, die man in Deutschland nicht essen würde, zum Beispiel Schnecken. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang irgendwie echt Angst davor hatte, die Schnecken zu essen. Letztendlich war es aber eigentlich gar nicht so schlimm, sie schmecken nur nach der Kräuter-Soße, aber die Konsistenz war schon etwas seltsam. Nun zu dem Ort, wo ich den Großteil meiner Zeit verbringe: Die Schule.

Anders als Jonas gehe ich nicht auf’s Collège sondern auf’s Lycée (10-12. Klasse), weil meine Austauschschülerin in der Grundschule eine Klasse übersprungen hat gehe ich hier in die 11. Klasse, obwohl ich in Deutschland erst in der 10. Klasse bin. Das Schulsystem ist in ganz Frankreich einheitlich. Hier muss man sich schon in der 11. Klasse entscheiden welchen Beruf man in etwa später ausüben möchte, denn man muss aus 3 Zweigen wählen: Entweder man geht in die premier S, beschäftig sich vorwiegend mit Wissenschaften und Mathe, kann dafür aber später seinen Beruf komplett frei wählen oder man geht in die premier ES, die Wirtschaftsklasse, wie der Name schon sagt beschäftigt man sich vorwiegend mit Wirtschaft, kann später alles bis auf medizinische Berufe ausüben. Die dritte (und letzte) Möglichkeit ist die premier L, die Literatur-Klasse: Hier beschäftigt man sich vorwiegend mit Sprachen, hat wenig oder gar kein Mathe und kaum Wissenschaften. Hier kann man nur wenige Sachen studieren.Bei diesen Möglichkeiten handelt es sich nur um Möglichkeiten für das generelle Abitur, natürlich gibt es hier auch noch das Fach-Abitur.

Aber zurück zum Thema, meine Austauschschülerin geht in die S-Klasse und hat somit viel Mathe und Wissenschaften. In der ersten Woche war ich noch bei ihr in der Klasse, hab dann aber in die L-Klasse gewechselt weil ich echt nichts verstanden habe. An die Stelle wurde mein Austausch durch meine Krankheit unterbrochen. Durch diese durfte ich 3 französische Krankenhäuser von innen kennenlernen, aber das ist ein andere Geschichte. Nun ,auf jeden Fall musste ich eine ca. 1-monatige Pause einlegen, bin danach aber zurück gekehrt, hier aber direkt in die L-Klasse. Hier wurde ich gut empfangen und hab schnell Freunde gefunden. In dieser Klasse waren Austauschschüler keine Ausnahme. Da ich von meiner ersten Woche vor meiner Krankheit schon wusste, was auf mich zu kommt, kam ich gleich besser klar. Jetzt geht es mir eigentlich richtig gut, auch wenn einige Tage echt langweilig sind.

Im großen und ganzen lässt sich sagen, dass ich das französische Schulsystem überarbeitbar finde. Die Schule hier geht von 8-17:30 Uhr. Mein Stundenplan ist auch sehr seltsam, was bedeutet das ich Montag und Dienstag fast durchgehend Unterricht habe, während es an den anderen Tagen von Freistunden nur so wimmelt. Wenn diese Freistunden nicht wären, könnte man sogar zu ganz humanen Zeiten Schulschluss haben, aber diese Freistunden sind in Frankreich irgendwie normal. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal zu viele Freistunden haben werde, aber 6 1/2 Stunden Freistunden sind für mich echt zu viel!

Jetzt zu meinen negativen Erfahrungen: Zum einen waren da die schlechten Englischkenntnisse, was an sich ja kein Problem ist, da ich ja Französisch lernen soll, aber wenn man dann im Krankenhaus auf der Intensivstation ist und die Leute dir sagen, du hast ein Problem mit etwas, aber du verstehst nicht womit, ist das nicht ganz so toll. Und das war in einem Universitätskrankenhaus, selbst die Medizinstudenten sprechen kein Wort Englisch! Das wirft für mich schon einige Fragen auf. Nun zur nächsten und aktuelleren negativen Erfahrung und zwar meinem Geschichts-Unterricht hier. Hier haben wir nämlich gerade den zweiten Weltkrieg, wobei man als Deutsche natürlich nicht ganz gut weg kommt. Ich kann verstehen, dass die Situation auch für den Lehrer nicht die beste ist, aber ich finde seine Reaktion etwas komisch. Zum Beispiel wenn wir uns Videos angucken, was wir eigentlich die ganze Zeit über machen, guckt er mich die ganze Zeit an, oder wenn er irgendwas erklärt guckt er mich auch die ganze Zeit an. Ich weiß nicht, ob er eine Reaktion erwartet oder ähnliches, ich bleibe einfach natürlich. Außerdem guckt er immer zu mir und macht eine kurze Pause, wenn er was von Deutschen sagt und verbessert sich dann manchmal noch zu Nazi-Deutschen. Auch die anderen Schüler gucken mich  die Stunde über auch manchmal komisch an, ich meine ich kann ja ein bisschen verstehen, dass ich als Deutsche unmittelbar damit in Verbindung gebracht werde, aber ich bin weder Nazi noch kann ich was für die schrecklichen Ereignisse während des zweiten Weltkriegs.

Da wir hier in Frankreich keinen Klassenraum oder ähnliches haben, ist man in den Freistunden gezwungen, auf dem Flur herumzusitzen, in einen stickigen Salle de travail oder in die Bibliothek zu gehen. Nun, im Gegensatz zu Jonas’ Collège bin ich auf meinem Lycée ziemlich frei, was bedeutet, dass ich theoretisch auch in die Stadt gehen könnte, aber da die Innenstadt aus 3 Friseuren, 3 Banken, vielen Lebensmittelgeschäften und einigen überteuerten Second-Hand Läden besteht, wird der Zeitvertreib in der Stadt eher schwierig. Ich erwisch mich trotzdem oft dabei, in Lebensmittelgeschäften “shoppen” zu gehen. Aber an sich geht es mir hier echt gut und ich erhole mich sogar ein bisschen. Zwar nervt das ständige mitschreiben im Unterricht, auch wenn ich nicht verstehe, was ich schreibe. Schön sinnlos! Ich lebe hier sowieso nach dem Prinzip “Lächeln, Nicken und hoffen, dass es es eine Ja/Nein-Frage war.

Wenn man mich fragt, was mir an Deutschland am meisten fehlt, würde ich wohl etwas anders antworten als Jonas. Mir fehlt nicht mein Alltag, ich hab sogar manchmal Angst, dass mich, wenn ich zurückkomme, mein Alltag wieder komplett einholt. Ich finde es wunderbar, etwas anderes zu erleben. Was mir fehlt, ist meine Familie und einfach so kleine Dinge, die ich in Deutschland für viel zu selbstverständlich genommen habe, wie z.B. einen Wasserspender in der Schule, ein Klassenraum oder öffentlichen Nahverkehr der öfter als ein mal täglich fährt.

Trotz den auch vorhanden negativen Erfahrungen überwiegen bei mir die positiven! Ich bin zufrieden mit meinem Austausch und kann jedem nur empfehlen, das auch zu machen! Mich hat dieser Austausch ein Stück weit verändert und ich hab viel gelernt. Ich habe Kleinigkeiten zu schätzen gelernt, aber vorallem glaube ich, werde ich diese schöne Zeit nie vergessen : Immer wenn ich französische Musik höre,werde ich an die vielen Autofahrten zurück denken und wenn ich um 4 Uhr Schluss habe, werde ich mich nicht mehr darüber aufregen, dass andere Schulen früher Schluss haben, sondern an meine Zeit in Frankreich denken und mich freuen vor 6 Uhr Schluss zu haben. Aber vor allem den Käse werde ich sofort mit meinem Austausch in Verbindung bringen. Vor allem die Sachen die ich gelernt habe und meine positiven und negativen Erfahrungen werden mich ein Leben lang begleiten.
In dem Sinne Liebe Grüße aus dem in der Werbung selbsternanntem Herzen des Juras: Champagnole!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


sechs − = 5